Der G7-Gipfel in Évian ist Geschichte, Googles meisterwartetes Modell lässt weiter auf sich warten, und ein fast fertiger Hollywood-Film hat plötzlich keinen Distributor mehr. Drei Momente dieser Woche, die eines gemeinsam haben: nicht das, was passiert ist, ist bemerkenswert, sondern das, was nicht passiert ist.
G7 Évian: Das freiwillige Ergebnis
In meinem letzten Briefing hatte ich den G7-Gipfel in Évian-les-Bains (15.-17. Juni) angekündigt. Das Ergebnis des KI-Teils ist eingetroffen, wie zu erwarten war: freiwillige Verpflichtungen. Sam Altman (OpenAI), Dario Amodei (Anthropic) und Demis Hassabis (Google DeepMind, Googles KI-Forschungslabor) nahmen gemeinsam am Mittagessen mit G7-Staatschefs teil. Ein Bild mit symbolischem Gewicht. Das Ergebnis: Zwei Themenbereiche, beide ohne Rechtskraft. Kinderschutz online und Risiken durch Frontier-Modelle in Cyber und Biologie, so CNBC.
Ob solche Selbstverpflichtungen langfristig zum globalen Standard werden, wie viele Beobachter erwarten, bleibt offen. Die Geschichte solcher Zusagen, von Hiroshima 2023 bis heute, ist durchwachsen. Was klar ist: Die großen Labs sitzen am Tisch der Staatschefs. Das verschafft Gestaltungsmacht. Und damit auch das Interesse daran, dass bindende Regeln möglichst lange auf sich warten lassen.
Gemini 3.5 Pro: Noch nicht
Am 19. Mai, bei Googles jährlicher Entwicklerkonferenz Google I/O, sprach Sundar Pichai über das neue Topmodell Gemini 3.5 Pro. Seine genaue Formulierung: „Gebt uns bis nächsten Monat.“ Im Saal soll es hörbar gestöhnt haben.
Heute ist der 22. Juni. Gemini 3.5 Pro ist nicht öffentlich verfügbar. Es steckt weiterhin in einem begrenzten Vorab-Zugang für ausgewählte Unternehmenskunden. Acht Tage bleiben bis Ende Juni. Wettmärkte sehen die Chance für eine Veröffentlichung vor Monatsletztem bei rund 50 bis 55 Prozent.
Das Modell selbst klingt beachtlich: zwei Millionen Token Kontextfenster, also die Datenmenge, die das Modell gleichzeitig verarbeiten kann, doppelt so viel wie das Vorgängermodell. Dazu ein „Deep Think“-Modus für komplexe Schlussfolgerungs-Aufgaben. Was mich dabei mehr interessiert als die technischen Details: das Muster dahinter. Google hat zuletzt eine Tendenz, Ankündigungen größer zu machen als den tatsächlichen Veröffentlichungsmoment. Anthropic bringt Modelle eher leise heraus und lässt die Reaktion sprechen. Ob das bei Google Strategie oder Kultur ist, lässt sich von außen schwer sagen. Aber es ist eine Signatur, die Entwicklerinnen und Entwickler längst registriert haben.
Amazon und der Altman-Film: Wenn Kapital zensiert
Ein fast fertiger Film namens „Artificial“ über Sam Altmans Entlassung und Wiedereinstellung bei OpenAI 2023, geschrieben vom US-Comedian-Autor Simon Rich, hat plötzlich keinen Distributor mehr. Amazon Studios, das den Film produziert hatte, zog sich zurück. Die offizielle Begründung laut einem aktuellen Bericht: „Wir glauben, der Film wäre bei einem anderen Studio besser aufgehoben.“
Die tatsächliche Ausgangslage: Amazon hatte im Februar 2026 eine strategische Partnerschaft mit OpenAI in Höhe von 50 Milliarden Dollar bekannt gegeben. Ein Film, der Altman in kein gutes Licht rückt, bekommt keinen Distributor mehr, nachdem der Produzent eine Partnerschaft mit dem Hauptdarsteller eingegangen ist. Man muss das nicht Zensur nennen. Man kann es aber auch schlecht ignorieren.
Der Film sucht nun nach einem anderen Anbieter. Was ich daran interessant finde: Es zeigt, wie tief KI-Investitionen inzwischen in Bereiche hineinwirken, die man bisher für davon unabhängig gehalten hätte. Wer 50 Milliarden in ein Unternehmen steckt, hat ein Interesse daran, das öffentliche Bild dieses Unternehmens zu schützen. Das ist keine Verschwörung. Es ist schlicht Kapital-Logik.