Am 8. Juni 2026 hat Apple in Cupertino seine jährliche Entwicklerkonferenz WWDC eröffnet. Es war Tim Cooks letzter großer Auftritt als CEO – er übergibt den Posten am 1. September an John Ternus, den Leiter Hardware-Engineering. Die Ankündigungen waren umfangreich: iOS 27, iPadOS 27, macOS 27 Golden Gate, weitreichende Updates für Apple Intelligence. Aber eine Nachricht überragte alles andere.
Siri ist neu. Von Grund auf. Und unter der Haube läuft jetzt ein Google-Modell.
Apple hat eine mehrjährige Partnerschaft mit Google bestätigt: Das neue Siri basiert auf einem angepassten Gemini-Modell mit 1,2 Billionen Parametern. Rund eine Milliarde Dollar zahlt Apple dafür jährlich. Das Modell nutzt eine Mixture-of-Experts-Architektur: Statt alle Parameter auf jede Anfrage anzusetzen, werden spezialisierte Teilnetzwerke aktiviert – das hält die Latenz in Grenzen. Es ist nach Angaben aus Entwicklerkreisen etwa achtmal größer als das größte Modell, das Apple je intern gebaut hat.
Das Ende einer Selbstversorgungsillusion
Apple hat sich jahrzehntelang über vertikale Kontrolle definiert. Eigene Chips, eigene Betriebssysteme, eigene Prozessoren. Das war kein Zufall, sondern Strategie: Wer alles selbst baut, hat die Kontrolle – über Qualität, Timing und, immer wieder betont, über Datenschutz. Diese Kontrolle war Apples wichtigstes Sicherheitsversprechen gegenüber seinen Nutzern.
Bei KI klappt das nicht. Die eigenen Basismodelle (Foundation Models), die Apple im vergangenen Jahr unter dem Label „Apple Intelligence“ vorgestellt hatte, konnten nicht mithalten – weder mit ChatGPT noch mit Claude noch mit Gemini. Apple hat das intern erkannt, lange genug gewartet und dann das Naheliegende getan: Man kauft das Ergebnis. Nicht die Fähigkeit, sondern das Produkt.
Die Apple-Aktie fiel nach der Ankündigung um 3,11 Prozent. Der Markt deutet den Deal so, wie er ist: kein Triumph, sondern ein Geständnis.
Was verloren geht
Apple kann Google vertraglich einschränken. Was Apple nicht mehr kann: vollständige Transparenz darüber, wie das Modell arbeitet, was es lernt, wo seine Grenzen liegen. Das ist eine neue strukturelle Abhängigkeit – und zwar ausgerechnet von einem Unternehmen, das Apple jahrelang als Gegenmodell zur eigenen Datenstrategie präsentiert hat.
Was mich an diesem Moment beschäftigt: Er zeigt, dass Kapital allein im KI-Rennen nicht ausreicht. Google hat über Jahre Daten gesammelt, Infrastruktur aufgebaut, Modelle trainiert. Apple hat Geld – mehr als fast jedes andere Unternehmen der Welt. Das reicht trotzdem nicht, um in kurzer Zeit aufzuholen, was Google über eine Dekade aufgebaut hat. Das ist keine Kritik an Apple. Es ist eine Beobachtung über die Struktur dieses Rennens: Wer früh angefangen hat, hat einen Vorsprung, der sich nicht einfach einkaufen lässt.
Die Einschränkung, die alles sagt
Das neue Siri AI wird in der Europäischen Union und in China zum Launch nicht verfügbar sein – aus regulatorischen Gründen. Das ist kein kleines Detail. Apple hat sein wichtigstes neues Feature so gebaut, dass es in zwei der größten Märkte der Welt nicht funktioniert. Ob das ein temporäres Problem ist oder ein dauerhafter Riss, wird sich zeigen.
Tim Cook hatte bei seinem letzten WWDC mehr zu sagen als in vielen vorherigen. Hier stand jemand, der zugegeben hat: Allein kommen wir nicht dorthin, wo wir hinmüssen. Das hat mehr Wert als ein weiterer Launch-Trailer.