Tom Cruise und Brad Pitt kämpfen auf einem apokalyptischen Dach. Zwei Textzeilen, fünfzehn Sekunden Video, und Hollywood dreht durch.
ByteDance – das Unternehmen hinter TikTok – hat letzte Woche Seedance 2.0 veröffentlicht, ein KI-Videomodell, das Nutzern erlaubt, hyperrealistische Kurzvideos aus einfachen Textbefehlen zu generieren. Innerhalb von Stunden kursierten Videos mit Disney-Figuren, Marvel-Charakteren und Prominenten auf Social Media. Die Motion Picture Association (MPA), der Dachverband der großen Hollywood-Studios, reagierte mit einer Forderung, ByteDance möge die „Verletzungsaktivitäten sofort einstellen“. Disney, Netflix, Paramount und Warner Bros. schickten Abmahnungen. SAG-AFTRA, die Schauspielergewerkschaft, nannte Seedance 2.0 „einen Angriff auf jeden Schöpfer weltweit“.
Deadpool-Drehbuchautor Rhett Reese schrieb auf X: „I hate to say it. It’s likely over for us.“
Die eigentlich interessante Frage
Die Empörung ist verständlich. Aber sie hat eine merkwürdige Selektivität, die ich nicht ignorieren kann.
Disney hat einen Dreijahres-Lizenzvertrag mit OpenAI. OpenAIs Sora darf Disney-Charaktere nutzen – Star Wars, Pixar, Marvel. Das ist explizit erlaubt. Seedance 2.0 macht faktisch dasselbe, nur ohne diesen Vertrag.
Der Unterschied zwischen OpenAI und ByteDance ist also nicht, ob eine KI Disney-Charaktere reproduziert. Der Unterschied ist, wer bezahlt hat – und wer die richtigen politischen Beziehungen mitbringt. Das ist keine Kritik am Urheberrecht als Konzept. Aber es zeigt, was hier wirklich auf dem Spiel steht: nicht Prinzipien, sondern Lizenzgebühren und geopolitische Positionierung.
ByteDance hat nicht gezahlt. ByteDance ist chinesisch. ByteDance bekommt Abmahnungen.
Das eigentliche Problem lässt sich nicht verklagen
Was mich an diesem Moment wirklich beschäftigt: Urheberrechtsklagen können eine Verzögerung erzwingen. Sie können nicht die Richtung umkehren.
Chinesische KI-Modelle sind in knapp einem Jahr von 1,2 Prozent globaler Nutzung auf fast 30 Prozent angestiegen – das zeigen Analysen des KI-Aggregators OpenRouter über hundert Billionen verarbeitete Token. Das ist kein gradueller Aufholprozess. Das ist eine Marktverschiebung. Qwen von Alibaba ist heute die meistgenutzte Open-Source-KI-Familie weltweit, mit über 700 Millionen Downloads. DeepSeek hat Anfang 2025 gezeigt, dass leistungsfähige Modelle nicht zwingend hunderte Millionen Dollar in der Entwicklung kosten müssen.
Seedance 2.0 ist der nächste Schritt: chinesische KI-Fähigkeiten im Videobereich, auf dem Niveau der besten westlichen Modelle, ohne die politischen Arrangements, die US-Unternehmen mit der Unterhaltungsindustrie ausgehandelt haben.
ByteDance hat nach dem Druck versprochen, die Schutzmaßnahmen zu verstärken. Was das konkret bedeutet, hat das Unternehmen offengelassen. Das klingt nach dem üblichen Reflexreflex, wenn ein chinesisches Tech-Unternehmen unter westlichem Druck steht: kurze Rücknahme, dann Anpassung, dann Weitermachen.
Was das für Kreative bedeutet
Rhett Reeses „it’s likely over for us“ ist verständlich als Reaktion auf einen konkreten Schock. Aber es stimmt nicht ganz so, wie er es meint.
Das Ende, das sich gerade abzeichnet, ist nicht das Ende kreativer Arbeit. Es ist das Ende eines Schutzwalls: der Kombination aus technischer Hürde (es war schwer, gute Videos zu erzeugen), rechtlicher Barriere (Urheberrecht als Bremse) und politischem Arrangement (wer Verträge hat, ist sicher).
Dieser Wall bröckelt. Nicht weil ein einzelnes Modell besonders gut ist, sondern weil die Entwicklung inzwischen in einem Tempo und in einer geographischen Verteilung passiert, die keine einzelne Rechtsprechung mehr einholen kann.
Was das für Menschen bedeutet, die von kreativer Arbeit leben: eine wachsende Notwendigkeit, sich zu positionieren – nicht gegen KI generell, sondern gegenüber Systemen, die transparent lizenzieren, die mit Einwilligung arbeiten, die Schöpfer kompensieren. Und eine wachsende Irrelevanz des Schutzes durch technische Schwäche.
Die Empörung über Seedance 2.0 ist real. Aber sie löst das Problem nicht. Sie benennt nur, wie groß es geworden ist.