Das Machtgefüge verschiebt sich

Sacks verlässt die Bühne — und Silicon Valley betritt sie direkt

David Sacks, der Venture-Kapitalist, Podcast-Host und seit Dezember 2024 Trumps Beauftragter für Künstliche Intelligenz und Kryptowährungen, ist fertig. Nicht weil er gefeuert wurde — sondern weil sein gesetzlich begrenztes Mandat als Sonderberater der Regierung nach 130 Tagen Dienstzeit ausläuft. In einem Bloomberg-Interview bestätigte er am 26. März, dass er die Rolle niederlegt und in den Präsidentschaftlichen Wissenschaftsrat — den sogenannten PCAST — wechselt, wo er als Co-Vorsitzender weiter zu Technologiepolitik beraten wird.

Auf den ersten Blick klingt das nach einer Seitwärtsbewegung. Auf den zweiten Blick ist es ein Machtverlust: Als KI-Beauftragter hatte Sacks eine direkte Linie zu Trump und konnte aktiv Regulierungsentscheidungen beeinflussen. Das PCAST ist ein Beratungsgremium — es macht Empfehlungen, keine Politik. Und die Geschichte dieser Institution zeigt, dass ihre Wirkung stark davon abhängt, wer gerade im Weißen Haus sitzt und zuhört.

Was den Wechsel trotzdem interessant macht, ist die Besetzung des PCAST. Trump hat diese Woche angekündigt, wer Sacks im Gremium begleiten wird: Meta-Chef Mark Zuckerberg, Nvidia-CEO Jensen Huang, Oracle-Gründer Larry Ellison, Marc Andreessen von Andreessen Horowitz, Google-Mitgründer Sergey Brin und AMD-Chefin Lisa Su. Das ist kein akademisches Beratungsgremium — das ist ein direkter Draht von Silicon-Valley-Spitzenunternehmen in die Technologiepolitik der US-Regierung.

Das ersetzt keinen politisch versierten Koordinator wie Sacks es war. Aber es formalisiert etwas, das ohnehin schon gilt: Die großen KI-Unternehmen gestalten die US-Technologiepolitik nicht nur indirekt über Lobbying, sondern sitzen jetzt offiziell mit am Tisch. Was das für unabhängige, kritische Stimmen in der KI-Regulierung bedeutet, ist noch offen.

Interessant am Rande: Sacks hatte Mitte März im Podcast „All In“ öffentlich die US-Kriegführung gegen den Iran kritisiert — Trump wies das öffentlich zurück. Ob das seinen Abgang beschleunigt hat, lässt sich nicht belegen. Sacks selbst sagt, er habe schlicht sein Zeitkontingent aufgebraucht.

OpenAI räumt auf — und gibt damit viel zu

Ebenfalls diese Woche: OpenAI hat intern und dann öffentlich angekündigt, seine wichtigsten Desktop-Produkte zusammenzulegen. ChatGPT, das Coding-Werkzeug Codex und der Browser Atlas — bisher drei separate Anwendungen mit eigenen Teams, eigener Infrastruktur, eigenem Interface — werden zu einer einzigen Desktop-App verschmolzen. Laut Wall Street Journal soll das Produkt als agentische Plattform gebaut werden: ein System, das nicht nur Fragen beantwortet, sondern eigenständig auf dem Computer des Nutzers arbeitet — Code schreibt, Daten analysiert, im Web navigiert.

Der Auslöser für diese Kehrtwende ist ungewöhnlich offen kommuniziert worden. Fidji Simo, OpenAIs Anwendungschefin, schrieb intern, das Unternehmen habe sich auf zu viele Nebenbaustellen verteilt und treffe dadurch nicht mehr den Qualitätsstandard, den man sich selbst setzt. Was sie nicht sagte, aber zwischen den Zeilen steht: Anthropic hat OpenAI in wichtigen Bereichen überholt. Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Axios entfallen derzeit 73 Prozent der Neuausgaben von Unternehmen, die erstmals KI-Werkzeuge kaufen, auf Anthropic — nur 27 Prozent auf OpenAI. Claude ist im März 2026 kurzzeitig die meistgeladene App in den USA geworden.

Das ist bemerkenswert, weil OpenAI noch vor einem Jahr als unangefochtener Marktführer galt. Was sich verändert hat: Claude Code und das Cowork-Produkt von Anthropic haben vor allem bei Entwicklern und Unternehmenskunden gepunktet — genau der Zielgruppe, die OpenAI mit Codex und Atlas eigentlich ansprechen wollte. Die Produkte sind gut, aber einzeln. Die Bündelung ist der Versuch, das aufzuholen.

Was mich daran triggert, ist die Geschwindigkeit dieser Verschiebung. Vor einem Jahr war der Wettbewerb im KI-Bereich vor allem ein Benchmark-Wettbewerb — wessen Modell schneidet auf welchem Test wie ab. Heute ist es ein Produktwettbewerb, ein Vertrauenswettbewerb, manchmal sogar ein politischer Wettbewerb. Wer liefert zuverlässig, wer hat ein klares Profil, wen wählen Unternehmen, wenn sie sich entscheiden müssen. OpenAI hat in diesem Wettbewerb gerade Boden verloren — und reagiert jetzt mit einer Fokussierung, die sie früher hätten machen müssen.

Beide Entwicklungen dieser Woche — Sacks‘ Abgang und OpenAIs Kurskorrektur — erzählen dasselbe: Das Feld konsolidiert sich. Die Phase des schnellen Ausprobierens in alle Richtungen weicht einer Phase, in der Entscheidungen über Strukturen, Einfluss und Marktposition getroffen werden. Wer dabei das Steuer hält, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.