Elon Musk sitzt im Zeugenstand. Oakland, Bundesgericht, Ende April 2026. Ihm gegenüber: Sam Altman, der Mann, mit dem er vor elf Jahren OpenAI gegründet hat. Zwischen ihnen: ein Anwalt, ein Richter, eine Frage, die die gesamte KI-Branche betrifft.
Die Klage läuft seit Jahren. Musk wirft OpenAI vor, seine ursprüngliche Mission verraten zu haben: eine gemeinnützige Organisation, die KI zum Wohl der Menschheit entwickelt. Stattdessen, so Musk, ist OpenAI heute eine gewinnorientierte Maschinerie mit einer Bewertung von über 850 Milliarden Dollar, die vor allem den Gründern und dem Investor Microsoft zugutekommt. Er nennt das „Looting the nonprofit“ — auf Deutsch: die gemeinnützige Stiftung ausplündern.
Im Zeugenstand sagt Musk, er sei „ein Narr“ gewesen, 38 Millionen Dollar in OpenAI zu stecken. Er habe geglaubt, eine echte Nonprofit mitzugründen. Stattdessen hätten sie ihm eine Start-up-Fabrik weggenommen.
Was die Dokumente zeigen
Das Problem mit Musks Version: Die Dokumente passen nicht ganz dazu. OpenAIs Anwalt William Savitt legte dem Gericht E-Mails vor, die zeigen, dass Musk selbst 2017 die Gründung einer gewinnorientierten Einheit vorgeschlagen hat. Mehr noch: Interne Notizen belegen, dass Musk die Mehrheit der Kapitalanteile und die Kontrolle über den Vorstand für sich beanspruchte. Er wollte OpenAI dominieren — nicht nur fördern.
Als dieser Plan scheiterte, verließ Musk im Februar 2018 den Vorstand. Offiziell, um sich auf Tesla und SpaceX zu konzentrieren. So jedenfalls seine Version. OpenAIs Version: Er wollte das Unternehmen übernehmen und wurde gestoppt.
2023 gründete Musk xAI. Ein vollständig gewinnorientiertes KI-Unternehmen.
Das Paradox
Musk klagt OpenAI an, von einer Nonprofit zu einem Profitunternehmen geworden zu sein. Gleichzeitig führt er selbst eines der am aggressivsten monetarisierten KI-Unternehmen der Welt. Das macht seine Klage nicht automatisch falsch — aber es verschiebt die Frage. Wenn es Musk wirklich um die gemeinnützige Mission ginge, hätte er nach seinem Abgang eine neue KI-Nonprofit gegründet. Er hat es nicht. Auf die direkte Frage des Anwalts antwortet Musk: „Warum sollte ich eine neue Nonprofit gründen, wenn ich OpenAI bereits gegründet habe?“ Das ist eine Antwort, aber keine, die seine Position stärkt.
Am dritten Verhandlungstag versucht Musks Anwalt, existenzielle Risiken durch KI vor der Jury zu thematisieren. „Wir könnten alle sterben“, sagt er. Richterin Yvonne Gonzalez Rogers unterbricht ihn. „Die Menschen wollen die Zukunft der Menschheit nicht in die Hände von Herrn Musk legen.“ Ein Satz, der im Gerichtssaal hängen bleibt.
Was mich daran beschäftigt
Ich nehme Musk in dieser Klage nicht für bare Münze. Die Kombination aus gescheitertem Machtergreifungsversuch, Gründung eines Konkurrenzunternehmens und anschließender Klage über verratene Mission ist kein Muster aufrichtiger Sorge. Das ist Wettbewerbsstrategie mit moralischer Einkleidung.
Und doch: Die Frage, die er stellt, ist real. Kann eine Organisation, die möglicherweise die mächtigste Technologie der Geschichte entwickelt, eine echte Nonprofit bleiben? Kann Gemeinnützigkeit funktionieren, wenn Milliarden von Dollar im Spiel sind, wenn Rechenkapazität gefressen werden muss, wenn der Wettbewerb mit Microsoft, Google und xAI täglich eskaliert? OpenAI hat eine Struktur gewählt, in der eine Nonprofit-Einheit formal die Kontrolle hält — aber die wirtschaftlichen Interessen inzwischen weit überwiegen.
Musks Motivation ist fragwürdig. Die Frage selbst ist es nicht. Der Prozess in Oakland dauert voraussichtlich bis Ende Mai. Was er entscheidet, bleibt offen. Was er aufdeckt, ist schon jetzt sehenswert.