Der Absturz aus dem Himmel

Am 24. März 2026 hat OpenAI Sora eingestellt. Nicht abgespeckt, nicht in ein anderes Produkt überführt – abgestellt. Die App geht am 26. April offline, die API folgt im September. Wer Inhalte hat, sollte sie exportieren.

Sechs Monate. Das war die öffentliche Lebenszeit von Sora als eigenständige App. Und in diesen sechs Monaten hat das Produkt laut Appfigures und TechCrunch insgesamt 2,1 Millionen Dollar Umsatz erzielt. Dem gegenüber stehen Computekosten von rund einer Million Dollar pro Tag. Die Mathematik ist eindeutig.

Der Disney-Deal – ein Milliarden-Dollar-Vertrag, der OpenAI erlaubt hätte, über 200 Charaktere von Disney, Marvel, Pixar und Star Wars für nutzererzeugte Videos zu lizenzieren – ist mit Sora gestorben. Disney erfuhr vom Shutdown laut Wall Street Journal weniger als eine Stunde vor der öffentlichen Ankündigung.

Was wirklich gescheitert ist

Die technische Seite von Sora war beeindruckend. Sora 2 konnte Videos generieren, die auf den ersten Blick überzeugten – Bewegung, Beleuchtung, Kameraführung. Das war echter Fortschritt. Was nicht funktionierte, war das Produkt drumherum.

Sora war als eine Art KI-TikTok konzipiert: ein vertikaler Video-Feed, in dem Nutzer KI-generierte Inhalte teilen. Das Flaggschiff-Feature „Characters“ (ursprünglich „Cameos“) erlaubte es, das eigene Gesicht einzuscannen und in Videos zu erscheinen – effektiv eine Deepfake-Fabrik für jedermann. Was OpenAI dabei vielleicht unterschätzt hat: Das ist creepy. Nicht im Sinne von „technisch verständlich unheimlich“ – sondern wirklich unheimlich. Sam-Altman-Deepfakes, die durch Schlachthäuser laufen. Realistische Kopien verstorbener Bürgerrechtler, deren Töchter öffentlich darum bitten, damit aufzuhören. Micky Maus, der kifft.

OpenAI hatte Sicherheitsschranken – sie waren nur leicht zu umgehen. Und sobald Nutzer merkten, wie weit sie gehen konnten, haben sie es getan. Die Moderation hielt nicht mit dem Missbrauch Schritt. Was übrig blieb, war ein Produkt mit einer Weiterbenutzungsrate von unter 8 Prozent nach 30 Tagen, das täglich eine Million Dollar verbrannte.

Der offizielle Kommentar von OpenAI war dürftig: Man fokussiere sich auf Robotik-Forschung und brauche die Rechenkapazität für die nächste Modellgeneration, intern „Spud“ genannt. Was zwischen den Zeilen stand: Anthropic hat OpenAI in den vergangenen Monaten bei Entwicklern und Unternehmenskunden überholt – Claude Code frisst den Markt, den OpenAI mit Codex ansprechen wollte. Jede GPU, die Sora-Videos rendert, ist eine GPU, die nicht für das eigentliche Rennen zur Verfügung steht.

Was das über Consumer-KI sagt

Sora ist nicht das erste KI-Produkt, das mit Hype startet und leise stirbt. Es ist das prominenteste in dieser Runde. Und es illustriert etwas, das sich seit Monaten abzeichnet: Der Markt für KI-Produkte teilt sich gerade in zwei Hälften.

Auf der einen Seite: Unternehmensprodukte wie Claude Code, Copilot oder Cursor, die echte Arbeit abnehmen, messbare Zeit einsparen und deshalb bezahlt werden. Auf der anderen Seite: Konsumentenprodukte, die in der ersten Woche viral gehen, in der dritten Woche langweilen und in der sechsten Woche nicht mehr geöffnet werden. KI-Video, KI-Avatare, KI-Musik – alles interessant, nichts davon ist ein Gewohnheitsprodukt geworden.

Das hat Gründe. Konsumenten-KI lebt von Neugier, nicht von Notwendigkeit. Der erste generierte Video-Clip ist faszinierend. Der zwölfte ist es nicht mehr. Unternehmens-KI lebt von Effizienz – wenn jemand mit Claude Code in einer Stunde schafft, was früher eine Woche gedauert hat, hört er nicht auf, es zu benutzen. Das ist ein völlig anderer psychologischer Mechanismus.

Soras Ende ist deshalb kein Einzelfall. Es ist ein Signal. Die großen KI-Labore laufen gerade durch eine Selbstselektion: Was in der Realität des täglichen Einsatzes überlebt, wird größer. Was nur beeindruckt, wird eingestellt. Dass OpenAI das bei Sora jetzt offen anerkennt – und die Ressourcen umschichtet – ist konsequent. Nur eben: sechs Monate zu spät.

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